Cordula Prieser

bongaloos, cases, shared spaces


    Dr. Anette Naumann, August 2013

    Cordula Prieser baut Gedankenräume. Ihre verschachtelten Gerüststrukturen aus Holz- oder Metallstreifen mit farbigen Gewebewänden muten wie Behausungen an, Bungalows der besonderen Art, deren Funktionen zu enträtseln die Vorstellungskraft der Betrachtenden in Gang setzt.
    Die Nähe zur Architektur ist offenkundig: mit der Konstruktion von modulartigen Kuben und Quadern, deren Seiten zum Teil aus Luft, zum Teil aus gestrickten Flächen oder Industriegewebe bestehen, definiert die Künstlerin Innenräume, die sich in osmotischem Austausch mit dem allseits sichtbar bleibenden Umraum befinden.

    Der gewählte Titel für eine Reihe kleinerer Arbeiten – »shared spaces« – läßt sowohl an das Aufteilen und Gliedern eines Baukörpers in verschiedene Elemente und Sektionen denken, als auch an das gemeinschaftliche Nutzen von Räumen. Damit beschreibt er aber nicht nur die damit bezeichneten Werke, sondern auch ganz programmatisch Cordula Priesers Umgang mit der skulpturalen Form: Stets geht es nicht nur um die klare Ästhetik und gestalterische Logik ihrer Bildhauerei, sondern auch um die unterschwellige Bedeutungsebene. Für wen sind diese Räume – was spricht sich darin aus, was findet in ihnen statt? In »shared spaces« durchdringen sich zwei voneinander verschiedene Figuren, ein polymorpher, farbig umstrickter und ein quaderartiger Körper. Die Lesarten bewegen sich auf ganz verschiedenen Ebenen: Philosophisch gesehen bildet der transparente Kubus gewissermaßen die abstrakte, eigenschaftslose Vorstellung vom Raum als »Behälter aller Dinge«, während der individualisierte Raumkörper ein solches Ding darstellt. Geometrisch gedacht, kann dort, wo »A« ist, nicht auch »B« sein – und doch sind beide gleichzeitig anwesend; es sieht so aus, als wenn die Frage nach einer Überschreitung des üblichen Koordinatensystems in einen mehrdimensionalen Raum gestellt würde. Die komplexere Figur kann im Sinne der Evolution auch als Weiterentwicklung des einzelligen Körpers gedeutet werden, aus dem sie sich herausbildet. Und psychologisch betrachtet kommt darin der Lebensraum eines Individuums zur Anschauung, das sich aus den gegebenen Begrenzungen heraus entwickelt. Diese Raum-in-Raum-Konstruktionen stellen ein vielschichtiges Beziehungssystem im Verhältnis von Innen und Außen, Subjekt und Objekt dar.

    Dieses Thema des geteilten Raumes behandelt Cordula Prieser ebenfalls in ihren großen Arbeiten wie »Aero Playing« oder »halb Wand, halb Tür«, die den Ort, den sie besetzen, fast zu sprengen scheinen. Auch hier spielt nicht nur die autonome Gestaltung der Skulptur eine Rolle, sondern ihre Erweiterung in den Umraum, der sich mit ihr verändert. Das Innen und das Außen in ihrer Abhängigkeit voneinander beschäftigt die Künstlerin in ihrem Werk schon seit langem. Wo frühere Objekte eine hautartige Bespannung aus Papier oder bemalter Metallgaze zeigen, sind hier die Konstruktionselemente gewissermaßen »bloßgelegt«, d.h. nur noch teilweise durch farbige Gewebe geschlossen, so dass eine Gleichzeitigkeit beider Bestimmungen erlebbar wird. Es ist, als wolle sie die architektonischen Komponenten einer Befragung unterziehen: Wieviel ist nötig, um aus einer leeren Fläche zwischen Konstruktionsbalken ein Element wie Wand oder Decke oder Boden zu definieren? Ab wann ist eine Öffnung ein Fenster, eine Tür, ein Passagendurchlass oder ein Schacht? Innenräume, die in der Vorstellung erzeugt werden, sind nicht eindeutig: durchlässig bis zur Auflösung, doppelbödig oder bodenlos, gedreht, gestaucht oder gedehnt, stellen sie die Bauphysik und damit den Betrachterstandort in Frage. Gerade weil diese Irritationen und Ambivalenzen auftreten, bedeutet es so ein sinnlich- intellektuelles Vergnügen, sich gedanklich in den modellhaften und de facto in den begehbaren Skulpturen zu bewegen. Die an Bauhausarchitektur erinnernden farbigen Wände, die durch die abgerundeten Ecken und das Material Wolle an Wärme und Körperlichkeit gewinnen, laden dazu ein, sich mit den Grundfragen baulicher Gestaltung zu befassen. So als wenn man die Reste einer alten oder die Gebäude einer zukünftigen Zivilisation betrachtete, deren Funktionen noch unbekannt sind, können die Betrachtenden die möglichen Lebensbedingungen und Nutzungen dieser poetisch-durchlässigen Räume erkunden.



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