Cordula Prieser

Grenzsichtungen


    Christine Glenewinkel, Ausstellungseröffnung "Limit of visibility" im Hafenmuseum Bremen, März 2010

    „Limit of Visibility“ – die Sichtgrenze – ein schöner Begriff, beinhaltet er doch nicht nur das Physische, objektive Einzuschätzende, sondern auch den eigenen Standpunkt, den man zwar objektiv verorten kann, dessen Blick aber immer subjektiv bleibt. In diesem Sinne entscheidet auch nur mein eigener Standpunkt, mein Blick, wo die Grenze des Sichtbaren aufhört, auch wenn uns die funktionsgesteuerte Objektwelt im Alltag das Gegenteil suggeriert.

    In der Kunst hingegen wird das Objekt nur vom Subjekt bestimmt. Ganz gleich welches Material oder Medium – das Kunst-Objekt funktioniert weder in Abgrenzung zu seinem Schöpfer noch zu seinem Betrachter – damit ist die Kunst selbst jedoch weder Objekt noch Subjekt – Kunst liegt immer im Unsichtbaren, im prozessualen Dazwischen, jenseits der Sichtgrenze.
    Kunst hilft nicht die Grenze des Sichtbaren zu bestimmen, sie evoziert sie.
    Kunst zeigt uns das, was ohne sie gar nicht zu sehen wäre.
    Die Ausstellung „Limit of Visbility“ versucht sich dieser nicht ganz unkomplizierten, aber fundamentalen Dialektik anzunähern.
    Die Arbeiten, die hier zu sehen sind, thematisieren die Grenze zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren und versuchen sie offen zu halten.
    Dazu haben die Künstler sich auf unterschiedlichste Weise mit Oberflächen, mit Übergängen und Verbindendem sowie Zwischenräumen und Durchdringungen beschäftigt, um zu zeigen wie wahrhaft fließend Grenzen sind. Diese Themen verhalten sich vor allem zu dem Element Wasser analog, das direkt oder indirekt immer wieder in den Arbeiten auftaucht.

    Cordula Priesers Objekte spielen mit den räumlichen Grenzen, dem Innen und Außen, welches normalerweise durch das Objekt bestimmt wird. Cordula Priesers Objekte versuchen dynamisch zu bleiben und diese Bestimmung ganz bewusst zu vermeiden, um dem Betrachter zu ermöglichen, seinen Standpunkt zum Ausgangspunkt für eine eigene Grenzbestimmung zu machen.
    In den großen, begehbaren Objekten, wie bei ihrer Arbeit „Aero Playing“ wird das besonders deutlich. Der Wechsel von drinnen nach draußen ist ohne eigenen Positionswechsel möglich. Bestimmt werden wir in dieser Entscheidungen weniger vom Objekt, als von unseren eigenen Assoziationen. Meine erste Assoziation zu „Aero Playing“ war „Camping“, aufgrund der gewählten Materialien und der Form des Fensters, die an einen Caravan erinnert. Hinter diesem scheinbar banalen Gedanken versteckt sich ein recht passender: Das Campieren ist die Urform der temporären Architektur.
    Und diese zeigt in besonderem Maße, wie veränderlich Raumgrenzen sind.
    Die narrative Ebene, die Assoziationen und Empfindungen zulässt, tritt noch stärker zu Tage bei der Arbeit „About the big white Open“, die zehn Jahre früher entstanden ist. Inspiriert von einem Schiffrumpf neigt sich der Holzkörper einem Metallgestell zu. Bei diesem Objekt geht es um die Erfahrung eines dynamischen Moments. Der Holzkörper scheint kurz vor dem Fall in den Metallkörper – oder holt er Schwung, um sich möglichst weit von ihm zu entfernen? Der Moment des Übergangs, die Dynamik des Kippens, wird selbst zum Inhalt. Diese Arbeit kam erst hinzu, nachdem die Künstlerinnen feststellten, dass sie einen schönen Zusammenhang mit der Installation von Bärbel Hische herstellt.

    Bärbel Hische zeigt eine Arbeit, die den physischen aber vor allem psychischen Prozess der Grenzüberwindung und Grenzerweiterung anhand einer „Überfahrt“ reflektiert. Im Zentrum der Installation steht ein Boot mit Abbildungen von verschiedenen Horizonten auf eigenen Wasserflächen. Das Boot selbst sollte man nicht zu Wasser lassen, denn es besteht aus äußerst saugfähigem Material und konterkariert so seine Funktion. Ein Hinweis darauf, dass es nicht um die konkrete Überfahrt geht, sondern um die Reise im Bewusstsein, um das Aufbrechen, das oft mit Begeisterung beginnt, aber immer die Angst in sich trägt, vielleicht nie anzukommen, und damit einer Überfahrt über das offene Meer gleicht. Denn solange man auf dem Meer unterwegs ist, scheint der Punkt, an dem sich Himmel und Meer berühren immer gleich weit weg zu sein. Egal wie schnell man sich bewegt – der Horizont scheint unerreichbar. Erst wenn ein Ziel, eine für uns zu erfassende Sichtgrenze auftaucht, kippt dieses unüberwindbare Verhältnis und der Horizont kommt näher. Bis dahin ist die Überfahrt ein Übergang von einer Grenze zur anderen und bleibt im Dazwischen. Diese Übergänge finden innerhalb der eigenen Lebenszeit immer wieder statt und reflektieren im Kleinen den großen, endgültigen Übergang. Hierfür ist die Überfahrt, das Übersetzen per Schiff – sei es über den Styx oder über den Jordan – nicht umsonst ein mythologisches Symbol. Da Bärbel Hisches Arbeiten sich immer auf den Raum beziehen, hat sie die Installation durch halbtransparente Folien erweitert. Sie schaffen Sichtgrenzen, aber auch Zwischenräume, und erinnern an ein Labyrinth, wodurch die mythologische Dimension noch erweitert wird.

    Im Zusammenhang mit dieser Installation bekommt der Titel von Ulrike Gölners Skulpturen aus Eiche auch eine ganz neue Bedeutung. Der Titel lautet: "Woher kommst Du? Wohin gehst Du?" Das Dreier-Ensemble aus gesägten Stämmen bezieht sich ganz konkret auf die gegebenen Raumgrenzen und scheint sie mit spielerischer Leichtigkeit aufzuheben. Die in die Stämme eingearbeiteten, wellenartigen Lamellen steigern noch das organische, gewachsene Moment des Materials und geben dem Hartholz etwas Fließendes und Fragiles. Das Fließende, aber auch die Fragilität, erinnern an Vergänglichkeit – die des Materials und auch die eigene. Gleichzeitig haben die Arbeiten etwas sehr Lebendiges, Dynamisches, wodurch sie in starkem Kontrast zu den ehernen Mauern stehen, die sie zu durchwachsen scheinen. Man glaubt dem Holz, dass es weiterwächst, dass es durch seinen stetigen, unbeirrbaren Wuchs und eine sanfte Hartnäckigkeit die gegebenen Grenzen überwindet. So wird das Sichtbare zu einem Moment, zum Ausschnitt eines scheinbar schon lange andauernden Prozesses. Die konfrontiert Arbeit nicht nur mit dem, was jenseits der Sichtgrenzen liegt, sondern auch mit dem, was jenseits unserer Zeitwahrnehmung liegt. Wie lange würde es wohl dauern so zu wachsen? Der begrenzte Zeitraum trifft auf etwas vergleichsweise Ewiges. Der Solitär aus Eiche, die zweite Arbeit Ulrike Gölners, erscheint in seiner Wellenform ebenso organisch und bewegt, ruht aber viel mehr in sich, weil er als Stele einen klassischen Bezug zum Raum nimmt. Das dynamische Ensemble wird dadurch kontrapunktiert und ergänzt.

    Juliane Laitzsch hat sich mit ihren „Seestücken“ dem Thema der „Grenzerfahrung“ ebenfalls konkret angenommen, hat sich aber auf die sichtbare Grenze des Wassers, seine Oberfläche, bezogen. Juliane Laitzsch, die in ihrer Arbeit immer wieder nach Strukturen, Texturen und Mustern sucht, hat für sich festgestellt, das auch Grenzen letztendlich immer gemustert sind. Nur in unserer Vorstellung, bzw. unserer begrenzten Sicht, gibt es den klaren Schnitt. Mikroskopisch betrachtet, ist eine Grenze viel weniger eine klare Trennung als eine Schnittstelle, an der verschiedene Strukturen oder Elemente in Dialog treten. Und gerade bei Wasser, das selbst während seiner Abgrenzung im Fluss, in Bewegung ist, wird so ein Dialog besonders gut sichtbar. Bei einem Segeltörn hat die Künstlerin beobachtet, dass das Meer jeden Tag vollkommen anders aussieht. Der Dialog aus Wellengang und Lichtverhältnissen ergibt immer wieder neue Farbigkeiten. Diesen Dialog vollzieht sie in ihren „Seestücken“ nach, indem sie verschieden farbiges Papier mit lichtbrechendem Glas und Bleistift in einen eben solchen Dialog treten lässt – und das Ergebnis ist im wahrsten Sinne des Wortes erstaunlich vielschichtig. Die Bildobjekte gehen damit nicht nur der Frage nach: Wie verhalten sich die Dialogpartner zueinander? Sondern auch: Was sehe ich überhaupt, wenn ich etwas sehe? Dieser analytische Ansatz, der auch durch die klare Hängung unterstrichen wird, zollt dem Ur-Element Wasser, das wir als ebenso schöpferisch und schön wie auch als überwältigend und bedrohlich empfinden können, Respekt. Man respektiert und empfindet die Grenze, aber als Dialogisches ist sie gleichzeitig einladend und fordert zur Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung auf.

    Wunderbarer Weise befindet sich neben den Seestücken von Juliane Laitzsch die Projektion von Wolfgang Spelmans, der die Wasseroberfläche genauso konkret und doch vollkommen anders in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellt. Er hat sie an ein und derselben Stelle, in schneller Abfolge fotografiert. Einfach fotografiert! Ich betone das, weil es bei dem Ergebnis, das wir hier vor Augen haben, kaum zu glauben ist, und umso mehr anrührt. Durch die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung sind wir es schließlich längst gewohnt, unserem Auge nicht mehr trauen zu können. Wolfgang Spelmans hat dem ehrlichen Augenblick vertraut und ihn mit kurzer Belichtungszeit eingefangen. Was wir nun sehen, sind Ausschnitte aus der unendlichen Veränderlichkeit der Wasseroberfläche, die wie eine Membran zwischen den Welten und ihren unterschiedlichen Zuständen zu vermitteln scheint. Diese eigentlich objektive Beobachtung erschließt uns subjektiv besondere Möglichkeiten: Die winzigen Augenblicke, die eingefangen wurden, liegen, obwohl sie sichtbar und absolut real sind, jenseits unserer Sichtgrenze. Wir werden sie aufgrund unseres begrenzten Wahrnehmungsapparates niemals so einfangen können – und sie werden auch niemals wieder so auftauchen. Jeder dieser Momente ist absolut einzigartig. Im Detail sind die Aufnahmen eher analytisch, grenzen einen Moment von dem anderen ab, aber in ihrer Gesamtheit hat diese Projektion – für mich – etwas absolut Entgrenzendes. Vor allen Dingen zusammen mit der „Wassermusik aus Mali“, die Spelmans diesen Bildern zugewiesen hat. Als ich mir die Projektion angeschaut habe, habe ich ziemlich unmittelbar an Hesses Siddharta denken müssen, der durch seine Meditation mit Blick auf einen Fluss seine eigenen Grenzen überwindet und erkennt, dass er und das ganze Leben ein Teil ein und desselben, großen Flusses sind.

    Sie sehen, die Ausstellung „Limit of Visibility“ zeigt anhand unterschiedlicher Ausdrucksformen verschiedene Aspekte eines Themas, das der Kunst und ihrer Wahrnehmung zugrunde liegt. Kunst kann die Grenzen unserer Wahrnehmung erweitern, indem sie uns zeigt, dass die Grenze des Sichtbaren nicht erreicht ist, wenn wir etwas optisch nicht mehr wahrnehmen können. Die Grenze des Sichtbaren ist dann erreicht, wenn wir verstehen, dass das, was wir wahrnehmen, immer wir selbst sind.