Cordula Prieser

Herstellen von Raum


    Hanne Zech, August 2001

    Spiralfedern...Gerüste aus Metall und Holz, manche mit transparentem oder halb-transparentem Material wie mit einer Hülle überzogen...in den Raum gespannte bunte Fäden... zu Gitterstrukturen gebogen Drähte:
    Dies ist das Vokabular, ja man könnte fast sagen das Koordinatensystem, mit dem Cordula Prieser Räume schafft und definiert.

    So verschieden die skulpturalen Räume auch sein mögen, ist ihnen doch allen gemeinsam, dass sie das Verhältnis von Innen und Aussen, sowohl in der Beziehung von Objekten zueinander wie zwischen den Objekten und dem umgebenden Raum, und die Bedeutung der Zwischenräume, der Leere zum zentralen Thema der plastischen Gestaltung machen. Sie erzeugt in und mit ihren Werken eine dialogische Situation zwischen Objekt(en), Umraum und Betrachter, indem sie die Distanz zwischen dem Subjekt und den Dingen verringert. Die fragilen kleine Drahtobjekte mit ihren Gitterstrukturen oder "About the big wide open" wirken trotz der konstruktiven Gerüste wie organisch anmutende Gestalten. Dies liegt sicher zum einen daran, dass nicht der rechte Winkel und eine maschinell wirkende Präzision bestimmend sind, sondern Formen, die wie von Hand hergestellt wirken, wie zufällig leicht gebogen und in unterschiedlicher Dichte. In ihrer instabilen Formgebung verweisen sie auf einen Zustand, der auf Zeit fixiert wurde. Betont wird diese Zustands-
    umschreibung durch die offene Struktur, die dem Zwischenraum, der Leere eine gleichwertige Bedeutung zukommen lässt wie dem Gerüst selbst.

    Das Moment der Zeit, das in diesen Arbeiten als Balance zwischen Stabilität und Instabilität wahrnehmbar ist, wird in der Arbeit "Lichtpause" (1996) zum zentralen Thema. Cordula Prieser hat die Felder der wandernden Lichtschatten in einem Raum durch bunte Fäden, die zwischen Fensterrahmen und Fußboden gespannt wurden, markiert. Sie selbst sagt dazu:
    "Das Innere des Raumes ist eine Empfangsstation, in seinem Hohlkörper werden die Signale aufgezeichnet für den Moment, in dem sie sich ereignen. Der Raum wird so nach und nach zum Aufbewahrungsort, zum Speicher von Zeit."
    Es ist eine poetische Arbeit, in der das Immaterielle von Licht und Zeit in verschiedene Orte oder vielmehr markierte Felder im Raum transformiert wurden. Das, was war - der Lichtschatten selbst -, ist nicht mehr sichtbar.
    Es bleiben die abgesteckten Felder und die verbliebenen gespannten Fäden. Das Licht , das durch die Fensteröffnungen scheint, kann - in einem ganz anderen Winkel - die gespannten Fäden wieder in Licht tauchen. Sie verändern ihren Farbcharakter und wirken fast immateriell. Metaphern der Erinnerung.

    "Zwiegespräch" stellt die Beziehung von zwei Objekten, einer Gebrauchsform und einer Kunstform, in den Vordergrund. Der zweigeteilten körper- oder kokonähnlichen Hohlform steht ein Stuhl gegenüber. Der einfache Holzstuhl, mit gebogener Rückenlehne und einem Plastikbezug auf der Sitzfläche, weist eine oberflächliche formale Ähnlichkeit mit der Skulptur auf und stellt auf einer ersten Ebene eine Verbindung zwischen den Objekten her. Wesentlich aber für die Verbindung zwischen den beiden Objekten ist der Standort des Stuhles.
    Durch ihn wird - als sei er Stellvertreter für den Betrachter - die Blickrichtung auf die beiden Schalen des Objektes bestimmt, die zum Stuhl hin weit geöffnet sind. Die Spannung entsteht so nicht nur durch die beiden Objekte, sondern vor allem durch den Zwischenraum, der den Blick bis in die Skulptur hinein lenkt und ein Eindringen suggeriert. Das Körperempfinden des Betrachters kann sich nicht mehr von dem Objekt distanzieren.

    Den Schritt vom Eindringen des Blickes bis zum Begehen der Skulptur geht Cordula Prieser in der Arbeit, die sie für den Pavillon des Gerhard-Marcks- Hauses geschaffen hat. Sie löst damit die Grenze zwischen dem Umschreiben eines Raumes und dem Einschreiben in einen Raum auf. Zwischen zwei leicht versetzten und schräg im Raum angeordneten Kreisformen unten und oben wölben sich unregelmässig geformte Rundbogen aus Holz, die fast die Wände des Pavillons berühren. Die angedeutete Rundform der Skulptur ist gekippt und wirkt so - trotz des Holzes und der massiven geschraubten Holzverbindungen - instabil. Um in den Pavillon zu gelangen, ist man gezwungen, sofort die Skulptur zu betreten. Sobald der Betrachter sich bewegt, findet ein ständiger Wechsel zwischen drinnen sein und draussen sein statt. Beide Erfahrungen sind eigentlich unvereinbar und so wird auch dem Betrachter immer unklarer, was eigentlich das Innen und was eigentlich das Aussen ist. Gehört nicht der Raum zwischen den Bogen doch zum Aussenraum, denn die Bogen finden eine Korrespondenz zu den architektonischen Elementen des Aussenraumes und definieren mit ihnen gemeinsam einen anderen Innenraum als den der Skulptur. Richard Deacon hat in seinem skulpturalen Werk mit vergleichbaren räumlich- körperlichen Erfahrungen des Betrachters gearbeitet: Erfahrungen, die darauf gründen, dass jeder Raum als Beziehungsgefüge wahrgenommen wird, in dem Orte entstehen, die mit Werten besetzt werden können.



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